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Oksana Bergen-Siegmund

In spürbarer Nähe zur Natur

Die Erzählung, die sich am Werk von Oksana Bergen ablesen lässt, fußt auf Installationen und Objekten aus Papier, geht jedoch über den Rahmen der reinen Darstellung und Materialität hinaus. Die komplexe Erzählstruktur und die eigens geschaffenen Techniken der Künstlerin finden ihren Ausdruck in einer persönlichen Rezeption der gesellschaftlichen und naturalistischen Wahrnehmung unserer gegenwärtigen Zeit. Bei ihrer Arbeit trifft man auf Kapitalismus, Paradoxie und Dystopie. In spürbarer Nähe zur Natur wirken die Werke zwischen Realität und Fiktion auf den visuellen Leser im ersten Moment klar, verständlich, harmlos, weich und schön. Immer wieder finden sich Bäume in ihren Andeutungen. Um die Symbole zu verstehen und Interpretationsräume zu öffnen, ist der Betrachter allerdings aufgefordert, durch ein Fenster in ihre Realität zu blicken. Sodann öffnet sich das Tor zur eigenen Illusion und Oksanas Erzählung kann gelesen werden.

Ihre Realität und damit ihre Erzählung beginnt bereits im Kindesalter. Aufgewachsen am Flussufer der Petchora, in einem kleinen Dorf in Russland, erkannte sie schon in jungen Jahren ihre Leidenschaft und starke Bindung zur Natur. Sie erkannte abstrakte Parallelen zum menschlichen Dasein. Fasziniert und neugierig von Abläufen und Zyklen der Natur war die kindliche Harmonie für sie ein Brunnen der kreativen Kraft, die sie in ihre Kunst einfließen ließ. Die spätere, jugendliche, Rebellion gegen alles gesellschaftliche resultiert in Zeiten wirtschaftlicher Unterwerfung in Kunstwerken, die das Innere eines Individuums transparent werden lassen. Während eines zweijährigen Auslandsaufenthaltes im chinesischen Nanjing entdeckte sie das Papier als Material für sich. Dieses recycelt sie und setzt Akzente, die das subjektive Erleben ganzer Generationen ausdrücken und psychische Dynamiken deutlich werden lassen. Das Material erreicht auf unmittelbare Weise die Gefühle und Sinne des Betrachters. Es weckt Neugier, lässt möglicherweise ratlos auf das Werk schauen, in jedem Fall werden detaillierte Wahrnehmungen ausgelöst. Man würde es gerne berühren – das Papier – und erfahren, wie warm es ist, wie rau oder wie glatt. Ob trocken oder feucht. Nicht zuletzt unterstützt diese Anziehungskraft die Ästhetik von Oksanas Papierwelten. Das recycelte Material wird auf kreative Art entfremdet und steht für Nachhaltigkeit ebenso wie für Vergänglichkeit.

Ihre innovative Technik, die Oksana sich durch Ausprobieren und Experimentieren selbst beibrachte, trifft dabei auf elementare Sinnfragen. Die Mortalität der Natur wird ihrem unausweichlichem Sieg über den Menschen gegenübergestellt. Heute lebt Oksana mit ihrer Familie in Paderborn, einer Stadt in Ostwestfalen, umgeben von der für sie so wichtigen Natur, aus der sie ihre Kraft und Kreativität schöpft. 

Wer sich selbst die Zeit schenkt, den Alltag auszublenden und in sich zu blicken, wird beim Lesen von Okasanas Werk belohnt mit einer ausgefeilten Darstellung der gegenwärtigen Zeit sowie des eigenen, vielleicht tief verborgenen, Ichs.

Ein visueller Roman, der seinesgleichen sucht.

www.oksana-bergen.de 

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